Auf der Chillventa 2024, einer der größten internationalen Veranstaltungen der Kälte-, Klima- und Wärmepumpenbranche, sprach Sergei Mukminov, Chefredakteur von Refindustry.com, mit Andre Patenaude, Director Solution Strategy bei Copeland. Sie erörterten die aktuellen Trends, Chancen und Herausforderungen bei CO2-Kältetechnologien sowie die Frage, wie globale Vorschriften und Nachhaltigkeitsziele die Zukunft der Branche prägen. Andre beleuchtete die erheblichen Herausforderungen, darunter Hochdrucksysteme, der Fachkräftemangel bei Servicetechnikern und die Komplexität moderner Kälteanlagen, und hob zugleich das Bestreben der Branche hervor, effizientere und umweltfreundlichere Lösungen zu entwickeln. Hier ist das vollständige Interview ihres Gesprächs.
Shannon Lovett, Country Manager, links, und Andre Patenaude, Director Solution Strategy, rechts am Stand von Copeland.
Sergei Mukminov: Andre, vielen Dank, dass Sie sich auf der Chillventa 2024 Zeit für uns nehmen. Sie gehören zu den profiliertesten Persönlichkeiten, die die globale Kältebranche beeinflussen, insbesondere durch nachhaltige Technologien und Lösungen. Können Sie unseren Lesern erläutern, worin Sie derzeit die größten Chancen und Herausforderungen sehen?
Andre Patenaude: Vielen Dank, Sergei. Ich weiß diese Frage zu schätzen. Eine der größten Chancen liegt derzeit in der Umstellung auf CO2-Technologien, die vor allem durch Vorschriften vorangetrieben wird. Wie wir wissen, werden weltweit Vorschriften für Kältemittel eingeführt. In Europa sind sie bereits umgesetzt, in Nordamerika nehmen sie Gestalt an und weltweit breiten sie sich weiter aus. Die GWP-Werte (Global Warming Potential) sind auf ein Niveau gesunken, bei dem Einzelhändler und Anlagenbetreiber Anpassungen vornehmen müssen, um diese regulatorischen Standards einzuhalten. Das ist ein wesentlicher Treiber.
Aber ebenfalls sehr wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger, ist, dass große Einzelhändler und Endanwender ehrgeizige Nachhaltigkeitsziele verfolgen. Sie stehen nicht nur unter dem Druck, Vorschriften einzuhalten, sondern müssen auch ihren CO2-Fußabdruck für ihre Investoren und Stakeholder reduzieren. Die Eindämmung der globalen Erwärmung ist sowohl für die Branche als auch für den Planeten eine globale Notwendigkeit. Mitunter haben diese Nachhaltigkeitsziele ein größeres Gewicht als der regulatorische Druck und veranlassen Unternehmen dazu, CO2-Technologien einzuführen, um langfristige Umweltvorteile zu erzielen.
Sergei Mukminov: Es scheint, dass der Druck sowohl von regulatorischer Seite als auch vom Markt ausgeht, wobei Nachhaltigkeitsziele eine entscheidende Rolle spielen. Welches sind die zentralen Herausforderungen, mit denen die Branche bei der Einführung von CO2-Systemen konfrontiert ist?
Andre Patenaude: Die größte Herausforderung bei CO2-Systemen ist zweifellos die Beherrschung der hohen Drücke. CO2 arbeitet mit wesentlich höheren Drücken als herkömmliche Kältemittel. Die Branche hat weitgehend herausgefunden, wie die Hochdruckseite, also Hochdrucksysteme, zu handhaben ist. Die Herausforderung liegt nun jedoch auf der Niederdruckseite, bei den Flüssigkeitsleitungen und den Saugdrücken. Wir sprechen von Drücken wie 30 bar bei Tiefkühlsystemen und 45 bar bei Normalkühlsystemen. Diese Drücke rücken zunehmend in den Fokus, während die Branche daran arbeitet, Freisetzungsereignisse zu reduzieren.
Bei einem Stromausfall beispielsweise beginnt CO2, Wärme aufzunehmen, und die Drücke können rasch über den Druckentlastungswert der Anlage ansteigen. Einzelhändler haben solche Situationen erlebt, und einige sind inzwischen bereit, mehr zu investieren, um die zulässigen Stillstandsdrücke ihrer Anlagen zu erhöhen, sodass diese Druckspitzen bewältigen können, ohne Kältemittel in die Atmosphäre freizusetzen. Es geht darum, solche Freisetzungsereignisse zu verhindern, insbesondere bei höheren Umgebungstemperaturen.
Sergei Mukminov: Das ist interessant. Die Herausforderung besteht also nicht nur im Bau von Hochdrucksystemen, sondern auch darin, sie sicher und effizient zu betreiben und instand zu halten. Gibt es weitere wesentliche Herausforderungen?
Andre Patenaude: Eine weitere große Herausforderung ist die Effizienz bei hohen Umgebungstemperaturen. Der Betrieb von CO2-Systemen in wärmeren Klimazonen erfordert fortschrittliche Strategien wie Parallelverdichtung, Ejektoren und andere Technologien, um den Energiebedarf zu Spitzenzeiten zu senken. Systeme wie adiabatische Kühlung und PX ejectors sind dabei hilfreich, erhöhen jedoch zugleich die Komplexität. Diese ist für die Branche nur schwer zu bewältigen, da viele erfahrene Servicetechniker in den Ruhestand gehen und nicht schnell genug genügend neue Techniker in das Berufsfeld eintreten.
Früher konnten Kälteanlagen mit mechanischen Regelungen betrieben werden, mit denen die meisten Techniker bestens vertraut waren. Mit CO2 vollziehen wir nun den Wechsel zu elektronischen Regelungen, was die Umschulung zahlreicher Techniker erfordert. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, genügend Fachkräfte für diese modernen Systeme auszubilden.
Sergei Mukminov: Wir sprechen also nicht nur über technologische Herausforderungen, sondern auch über Personalfragen. Wie geht die Branche mit dem Mangel an qualifizierten Technikern um?
Andre Patenaude: Das ist ein großes Problem, insbesondere in Nordamerika, wo wir im Vergleich zu Europa, das über eine wesentlich längere Erfolgsbilanz verfügt, erst etwa 10-12 Jahre Erfahrung mit CO2 haben. Wir arbeiten daran, jüngere Techniker für diesen Beruf zu gewinnen, insbesondere solche, die technikaffin sind und sich für Elektronik interessieren. Die Branche muss sich rasch an diese veränderte Dynamik anpassen. Es geht nicht mehr nur um mechanische Fertigkeiten, sondern um Elektronik, Software und die Fähigkeit, anspruchsvollere Systeme zu betreiben.
Sergei Mukminov: Es klingt, als würden sich sowohl die technologische Landschaft als auch die Arbeitswelt weiterentwickeln. Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Aspekte, die Unternehmen bei der Einführung von CO2-Systemen berücksichtigen müssen?
Andre Patenaude: Erstens müssen Unternehmen das regulatorische Umfeld und ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele vollständig verstehen. Sie müssen sich fragen: „Führen wir CO2-Systeme ein, um regulatorische Anforderungen zu erfüllen, oder tun wir dies, um unsere langfristigen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen?“ Diese Ziele überschneiden sich mitunter, können jedoch unterschiedliche Zeitrahmen oder Anforderungen haben.
Zweitens gibt es die technische Seite: die Beherrschung der Hochdrucksysteme und die Gewährleistung, dass die Anlagen hohe Umgebungstemperaturen ohne Effizienzverluste bewältigen können. Schließlich müssen Unternehmen in ihre Belegschaft investieren, sei es durch die Schulung bestehender Mitarbeiter oder die Gewinnung neuer Fachkräfte, um sicherzustellen, dass sie über die erforderliche technische Kompetenz für den Betrieb dieser komplexen Systeme verfügen. Es handelt sich um eine vielschichtige Herausforderung, doch die Chancen, sowohl positive Auswirkungen auf die Umwelt zu erzielen als auch das Unternehmenswachstum voranzutreiben, sind enorm.
Sergei Mukminov: Andre, vielen Dank, dass Sie diese wertvollen Einblicke mit uns geteilt haben. Es ist offensichtlich, dass CO2-Kälteanlagen für die Kälte-, Klima- und Wärmepumpenbranche sowohl eine Herausforderung als auch eine Chance darstellen.
Andre Patenaude: Vielen Dank, Sergei. Es ist immer eine Freude, mit Ihnen zu sprechen. Wir sind entschlossen, die Branche voranzubringen und ihr dabei zu helfen, sowohl ihre regulatorischen als auch ihre nachhaltigkeitsbezogenen Herausforderungen zu bewältigen.








