Sergei Mukminov, Chefredakteur von Refindustry.com, interviewte David Bolaños, Director of Marketing and Product Management bei Heatcraft Refrigeration Products, über die Entwicklung des nordamerikanischen Gewerbekältemarktes und die Überlegungen hinter der Kältemittelstrategie des Unternehmens. Das Interview wurde im August 2026 schriftlich geführt.
Das Interview findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem sich die regulatorischen Rahmenbedingungen erneut verändert haben. Am 21. Mai 2026 schloss die EPA ihre Überprüfung der Technology Transitions Rule von 2023 ab. Neue Supermarktsysteme dürfen ab dem 1. Januar 2027 Kältemittel mit einem GWP von bis zu 1.400 verwenden, neue externe Verflüssigungssätze mit einem GWP von bis zu 1.400 und neue Kühllagereinrichtungen mit einem GWP von bis zu 700, jeweils ab 60 Tagen nach der Veröffentlichung im Federal Register. In allen drei Fällen gelten ab dem 1. Januar 2032 wieder die ursprünglichen Grenzwerte von 150 und 300. Dies entspricht einer Verzögerung von fünf bis sechs Jahren gegenüber dem Zeitplan, an dem sich die Branche bei ihren Planungen orientiert hatte. Dieser zusätzliche Handlungsspielraum entstand genau zu dem Zeitpunkt, als der Markt schließlich von der Planung der Umstellung zu ihrer Umsetzung übergegangen war.
Der noch zurückzulegende Weg ist beträchtlich. In seinem Marktbericht 2025 beziffert ATMOsphere den Anteil von CO2 in nordamerikanischen Supermärkten auf rund 6 Prozent, gegenüber etwa einem Drittel in Europa. Rund 5.120 Geschäfte in der Region betreiben transkritische Systeme, ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Ob sich diese Lücke nach europäischem Vorbild oder auf einem völlig anderen Weg schließt, ist die Frage, die heute den meisten Anlagenentscheidungen in der Region zugrunde liegt.
Bolaños vertritt die Auffassung, dass sich zwar der Zeitplan, nicht aber das Ziel geändert hat und dass der Markt keineswegs auf ein einziges Kältemittel zusteuert. Er argumentiert, dass A2L-Kältemittel eine dauerhafte Lösung und keine vorübergehende Brückentechnologie sind, erläutert, wo CO2 in Nordamerika geeignet ist und wo nicht, erklärt, wie Geräte mit einer Doppelzulassung für A2L und A1 den Kunden ermöglichen sollen, die Kältemittelentscheidung aufzuschieben, und beschreibt den Fachkräftemangel als tatsächliche Einschränkung für die Geschwindigkeit der Umstellung.
Nordamerika wird bei der Einführung von Kältemitteln mit niedrigem GWP häufig als mehrere Jahre hinter Europa liegend beschrieben, wobei der Anteil von CO2 in Supermärkten noch immer nur einen Bruchteil des europäischen Niveaus erreicht. Schließt sich diese Lücke, oder wird die Entwicklung von völlig anderen Faktoren geprägt, und welcher Zeitrahmen ist realistisch, damit die meisten Neuinstallationen von HFKW mit hohem GWP abrücken?
Die Lücke wird kleiner, doch Nordamerika folgt Europa nicht einfach mit zeitlicher Verzögerung. Der Markt wird durch andere anwendungsbezogene, regulatorische, infrastrukturelle und kostenbezogene Faktoren geprägt, weshalb die Einführung in den einzelnen Segmenten unterschiedlich schnell verläuft. In Bereichen wie dem Lebensmitteleinzelhandel sammeln Betreiber bereits praktische Erfahrungen mit CO2 und gehen von der Evaluierung zur Umsetzung über. Die Abkehr von HFKW mit hohem GWP wird sich fortsetzen, dürfte jedoch weder einem einzigen Stichtag noch einem einzigen Kältemittelpfad folgen. Stattdessen wird die Einführung schrittweise erfolgen, sobald Lösungen mit niedrigerem GWP für bestimmte Anwendungen und Betriebsumgebungen die richtige Wahl darstellen.
In der Branche herrscht Uneinigkeit darüber, ob A2L-Kältemittel eine dauerhafte langfristige Lösung oder eine Übergangsbrücke sind, die letztlich einer eigenen Prüfung im Hinblick auf Lebenszyklus und Chemikalienpolitik unterzogen wird. Welchen Stellenwert haben A2L-Kältemittel in der Kältemittelstrategie von Heatcraft, und wie entgegnen Sie denjenigen, die sie als Zwischenlösung betrachten?
Heatcraft betrachtet A2L-Kältemittel als dauerhaften Bestandteil der nordamerikanischen Umstellung und nicht als vorübergehende Brückentechnologie. Dies gilt insbesondere für kleine und mittlere gewerbliche Anwendungen, bei denen Anlagenarchitektur, Servicepraktiken und die gesamten Installationskosten von Bedeutung sind. Wir betrachten A2L und CO2 nicht als konkurrierende Lösungen, da sie unterschiedliche Probleme lösen. A2L-Kältemittel eignen sich gut für kleinere Systeme, die Gastronomie und begehbare Kühlräume, während CO2 häufig die bessere Wahl für Supermärkte, die Industriekälte und größere zentrale Systeme ist. Deshalb sind wir überzeugt, dass A2L-Kältemittel neben anderen Kältemitteltechnologien eine wichtige Lösung mit niedrigerem GWP bleiben werden und keine Phase darstellen, die der Markt lediglich durchläuft.
Die Umweltprüfung weitet sich über den GWP hinaus auf Lebenszyklusauswirkungen und chemikalienpolitischen Druck aus, darunter PFAS und TFA, zu der HFO-Kältemittel abgebaut werden. Welches tatsächliche Risiko besteht für Hersteller, deren Umstellungspfad stark auf A2L und HFO beruht, wenn diese Prüfung in den nächsten fünf Jahren verschärft wird, und wie berücksichtigen Sie dies bei Ihren eigenen Überlegungen zu Kältemitteln?
Umweltpolitik, Kältemitteltechnologie und Nachhaltigkeitserwartungen haben sich in der gesamten Geschichte unserer Branche kontinuierlich weiterentwickelt, und wir gehen davon aus, dass diese Entwicklung anhalten wird. Statt Produkte für ein einziges regulatorisches Szenario zu entwickeln, konzentriert sich die Roadmap von Heatcraft auf die Anwendungen der Kunden und die Aufrechterhaltung eines breiten Portfolios vorschriftenkonformer Lösungen mit niedrigem GWP.
Die Regulierung in Nordamerika verläuft weniger geradlinig, da der AIM Act, die EPA Technology Transition Rule, Programme auf Ebene der Bundesstaaten und sich ändernde Zeitpläne gleichzeitig zu berücksichtigen sind. Wie planen Sie eine Produkt-Roadmap und binden Kapital, wenn Sie gleichzeitig für mehrere regulatorische Szenarien entwickeln müssen?
Wir planen, indem wir auf Flexibilität auslegen, statt Kapital an ein einziges regulatorisches Ergebnis zu binden. Konkrete Anforderungen können sich ändern, doch die grundsätzliche Entwicklung hin zu Kältemitteln mit niedrigerem GWP, höherer Effizienz und anspruchsvolleren Regelungen bleibt eindeutig. Dadurch können wir mit Zuversicht investieren und zugleich flexibel auf die weitere Entwicklung der Vorschriften reagieren.
Unsere auf A2L umrüstbare Systemplattform ist ein gutes Beispiel. Sie bietet Kunden Optionen auf Grundlage ihrer Anwendung, ihres Zeitplans und ihrer lokalen Anforderungen, statt ihnen eine Einheitslösung aufzuzwingen. Ein wesentliches Merkmal der neuen A2L-Geräte ist ihre UL-Zulassung für zwei Kältemittelklassen. Das bedeutet, dass dieselben neu entwickelten Geräte entweder mit bisherigen A1-HFKW-Kältemitteln oder mit neueren A2L-Kältemitteln eingesetzt werden können. Damit erhalten Kältefachbetriebe, Händler und Endkunden einen flexibleren Weg für die Umstellung der Branche von A1- auf A2L-Kältemittel.
Für Neuinstallationen können Kunden ein vollständig konfiguriertes A2L-System bestellen, bei dem das Refrigerant Detection System in unserem Werk installiert wird. Für Ersatzanwendungen können Kunden UL-gelistete A2L/A1-Verflüssigungssätze mit Doppelklassenzulassung und/oder auf A2L/A1 umrüstbare Luftkühler mit Doppelklassenzulassung bestellen. Diese können zunächst mit A1-Kältemitteln betrieben und später mithilfe unseres proprietären, vor Ort installierten Refrigerant Detection System-Einbausatzes für die Verwendung mit A2L umgerüstet werden.
Die Umrüstoption gilt ausschließlich für die neu entwickelten A2L/A1-Luftkühler von Heatcraft und nicht für ältere, für A1 ausgelegte Geräte. Dieser Ansatz soll eine sicherere, einfachere und flexiblere Umstellung des Gewerbekältemarktes unterstützen und den Kunden zugleich dabei helfen, den Austausch von Geräten und künftige Kältemittelanforderungen zu bewältigen.
CO2 ist im europäischen Lebensmitteleinzelhandel fest etabliert, stellt in Nordamerika jedoch weiterhin nur eine Minderheit unter den Anlagenarchitekturen dar. Was muss sich konkret bei den Installationskosten, der Effizienz bei hohen Umgebungstemperaturen und den Servicekapazitäten ändern, damit CO2 hier zur Standardwahl und nicht nur zu einer von mehreren Optionen wird?
Damit sich CO2 von einer überzeugenden Wahl in ausgewählten Segmenten zur Standardlösung entwickelt, müssen sich drei Dinge verbessern: die Installationskosten, die Leistung bei hohen Umgebungstemperaturen und die Servicekapazitäten. Kältefachbetriebe benötigen umfassendere Erfahrungen mit der Technologie, Kunden müssen Vertrauen in ihre Leistungsfähigkeit unter unterschiedlichen klimatischen Bedingungen gewinnen, und die Branche benötigt eine breitere Unterstützung durch Service und Lieferketten. Dennoch wird Nordamerika dem europäischen Weg wahrscheinlich nicht exakt folgen, da sich unser Gebäudebestand, unsere Betriebsumgebungen und die Anforderungen unserer Kunden unterscheiden. Wir investieren weiterhin in CO2-Lösungen, Schulungen und Anwendungsunterstützung. Unserer Auffassung nach sollte CO2 jedoch dann gewählt werden, wenn es für die jeweilige Anwendung am besten geeignet ist, und nicht allein deshalb, weil es den niedrigsten GWP bietet.
Der Technikermangel verschärft sich genau zu dem Zeitpunkt, an dem A2L, CO2 und Systeme mit umfangreicher Regelungstechnik höhere Qualifikationen für Installation und Service erfordern. Wie verändert dieser Mangel die Erwartungen daran, was die Branche und insbesondere die Hersteller bereitstellen müssen, und wird er zu einer tatsächlichen Einschränkung dafür, wie schnell die Umstellung wirklich voranschreiten kann?
Der Technikermangel ist zweifellos eine Einschränkung für die Geschwindigkeit der Umstellung, da neuere Kältemittel, Regelungen und vernetzte Systeme höhere Qualifikationen für Installation, Inbetriebnahme und Service erfordern. Der reine Verkauf von Geräten reicht nicht mehr aus. Kunden benötigen Schulungen, Anwendungskompetenz, Unterstützung bei Regelungen und praxisnahe Weiterbildung, um diese Technologien erfolgreich einzuführen. Heatcraft betrachtet Schulungen als Teil der Lösung selbst. Deshalb haben wir unsere Schulungsprogramme und unsere Schulungseinrichtung erweitert, um Kältefachbetrieben und Händlern dabei zu helfen, Sicherheit im Umgang mit neuen Kältemitteln, Regelungen und Anlagenarchitekturen zu gewinnen.
Die Geräte machen nur die Hälfte der Kältemittelumstellung aus. Die andere Hälfte sind die Fachkräfte. Es muss sichergestellt werden, dass diejenigen, die diese Geräte installieren und warten, auf neue Kältemittel und die dafür erforderlichen Sicherheitspraktiken vorbereitet sind. Im Jahr 2026 haben wir 1.274 Kältefachleute geschult. Die Zertifizierung geht noch einen Schritt weiter und stellt einen Qualifikationsnachweis bereit, der die Einsatzbereitschaft in der Praxis belegt. Mit Stand vom 1. August sind landesweit 844 Kältefachleute zertifiziert, 91 davon seit Jahresbeginn. Schulungen sorgen für Reichweite, Zertifizierungen für Tiefe, und gemeinsam stellen sie sicher, dass Kältefachleute für erfolgreiche Einsätze vor Ort gerüstet sind.
Wenn Sie drei bis fünf Jahre in die Zukunft blicken, wo sehen Sie über den traditionellen Lebensmitteleinzelhandel hinaus Wachstum in der nordamerikanischen Gewerbekälte, und welche Veränderung wird von einem Großteil der Branche noch immer unterschätzt?
Über den traditionellen Lebensmitteleinzelhandel hinaus erwarten wir in den nächsten drei bis fünf Jahren Wachstum bei Kühllagern, in der Lebensmittelverarbeitung, der Industriekälte, der Pharmalagerung, in Rechenzentren und bei anderen spezialisierten Kühlanwendungen. Die von einem Großteil der Branche noch immer unterschätzte Veränderung besteht jedoch darin, dass sich die Kältetechnik von einem produktorientierten zu einem systemorientierten Geschäft entwickelt. Die Wahl des Kältemittels ist heute nur ein Bestandteil einer umfassenderen Entscheidung, die Vorschriftenkonformität, Sicherheit, die Integration von Regelungen, die energetische Leistung, Wartungsfreundlichkeit und Lebenszykluskosten einschließt. Da diese Entscheidungen komplexer werden, benötigen Kunden zunehmend Fachkompetenz und Unterstützung bei der Auswahl der richtigen Lösung für ihre Anwendung und nicht einfach nur ein weiteres Gerät.
Vielen Dank, David, dass Sie Ihre Einschätzungen mit uns geteilt haben!
David Bolaños ist Director of Marketing and Product Management bei Heatcraft Refrigeration Products und verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der HVACR-Branche, überwiegend bei Lennox International, der Muttergesellschaft von Heatcraft. Er leitete die Geschäftsentwicklung, den Vertrieb und den Kundenservice auf nationalen und internationalen Märkten, mit Schwerpunkt auf Gewerbe- und Industriekälte. Er besitzt einen Bachelor of Science in Maschinenbau sowie einen MBA der Florida International University und ist als Six Sigma Green Belt zertifiziert.





